• Stephanie Schmitt

Der Tierarzt und das liebe BARF – Bedarfsnormen oder der Mittelweg zwischen Mangel und Exzess


Häufig heißt es, dass der Bedarf des Hundes beim BARFen nicht gedeckt wird. Bevor ich auf die Bedarfszahlen der einzelnen Nährstoffe eingehen kann und die Frage, ob deren Bedarf beim BARFen gedeckt werden kann, muss zunächst die Frage geklärt werden: was sind Bedarfszahlen überhaupt?

Wir Menschen sind es gewohnt, alles in Zahlen und Normen zu pressen. In der Naturwissenschaft haben wir es hier meistens auch mit Konstanten zu tun. Umso verwirrender mag es daher sein, dass es sich in der (Tier)ernährung komplett anders verhält. Bedarfszahlen sind keine Naturkonstanten, sie sind Schätz-, Näherungs- und Richtwerte, die eine möglichst genaue Orientierung geben sollen, wie hoch der Bedarf eines bestimmten Nährstoffs ist. Da das alles doch sehr abstrakt klingt, werde ich ganz allgemein auf das Thema Bedarfsnormen in diesem Blogartikel eingehen.





Warum gibt es Bedarfsnormen?

Bedarfsnormen gibt es für alle essentiellen Nährstoffe. Essentiell bedeutet hierbei, dass ein Körper diesen Nährstoff nicht selbst bilden kann, er muss also über die Nahrung zugeführt werden. Im Körper wird er für verschiedene Stoffwechselprozesse oder Organfunktionen benötigt. Fehlt er, können diese Stoffwechselprozesse früher oder später nicht mehr ausgeführt werden bzw. die Organe nicht mehr richtig funtkionieren. Es entsteht ein Mangel, der in den schlimmsten Fällen zum Tod führen kann.

Demzufolge dürfte verständlich sein, dass ein Interesse besteht, den Bedarf eines Nährstoffs zu kennen und möglichst passend abzudecken. Wir leben in einer Zeit und einem Land, in dem Mangelernährung für die meisten etwas ist, mit dem sie noch nie Kontakt hatten. Zum Glück. Umso schwerer fällt es uns aber auch, dieses mögliche Problem als solches anzuerkennen. Wir neigen dazu, es als nicht existent zu sehen, da es für uns selbst nicht existentiell ist.

Ziel beim Entwickeln von Bedarfsnormen ist folglich, Mangel- genauso wie Exzesserscheinungen zu vermeiden.



Wie könnte man Bedarfsnormen festlegen?

Viele glauben ja, es wäre am einfachsten sich anzuschauen, was das Tier in der Natur frisst und wie dieses Futtermittel (im Falle von Fleischfressern, also Beutetiere) zusammengesetzt ist.

Die Überlegung hinter der Methode ist naheliegend: die Tierarten haben sich alle während der Evolution nur mit Nahrungsmitteln aus der Natur ernährt und sie haben überlebt. Mehr noch, sie haben sich in die Form, die heute existiert, entwickelt.

Was auf den ersten Blick einleuchtend klingt, hat bei näherer Betrachtung seine Schwachstellen. Ein wildlebendes Tier unterscheidet sich nämlich in einigen Dingen grundlegend von unseren Haustieren.

1. In der Natur ist das wichtigste Ziel die Fortpflanzung, zum Erhalt der Art und der eigenen Gene. In der modernen Haustierhaltung ist das Ziel ein möglichst langes und gesundes Leben. Ein Tier, das eine leichte Mangelernährung erfährt, kann sich häufig in den ersten Lebensjahren durchaus fortpflanzen, es wird aber langfristig nicht gesund leben und damit nicht so alt werden wie unsere Haushunde. Für Wölfe gibt es entsprechende Zahlen: in Gefangenschaft werden sie bis zu 17 Jahre alt, in der Wildnis nur 10-13 Jahre, wobei die durchschnittliche Lebensdauer deutlich niedriger liegt, was allerdings natürlich auf die Jungtiersterblichkeit zurückzuführen ist.

2. In der Natur überleben die, die sich am besten anpassen können. In der modernen Tierhaltung tun wir alles dafür, unsere Tiere möglichst langlebig zu halten. Das beginnt damit, dass wir ihnen täglich Futter geben und sie gegen gefährliche Krankheiten impfen, geht zu dem Punkt, an dem wir entscheiden wer sich fortpflanzt und wer nicht und endet darin, dass wir entscheiden, wann ein Tier stirbt. An dieser Stelle will ich erwähnen, dass ich selbstverständlich gegen keinen der genannten Punkte einen Einwand vorbringen möchte. Ich will nur zeigen, dass das, was wir mit unseren Haustieren täglich machen, wenig mit Natur zu tun hat. Und daher werfe ich die Frage auf: warum muss dann das Futter so natürlich sein, dass ein möglicher Mangel akzeptiert wird?

3. In der Natur laufen sicherlich genügend Tiere herum, die einen Nährstoffmangel haben. Bei unseren Haustieren wollen wir aber genau das vermeiden. Beutetiere im Süden von Deutschland haben durchschnittlich sicherlich einen niedrigeren Zinkgehalt im Körper als Beutetiere, die auf Mineralstoffreichen Böden grasen. Tiere, die Gras in Küstennähe fressen dürften einen höheren Jodgehalt haben als diese, die fernab jeder Küste ihr Gras zu sich nehmen. Beide sind natürlich, aber wer von den beiden spiegelt jetzt den Nährstoffbedarf wider?

4. Wildlebende Tiere verbringen einen großen Teil des Tages mit der Futtersuche. Durch diese viele Bewegung und der Tatsache, dass wildlebende Tiere den Umweltbedingungen ausgesetzt sind, ist ihr Energiebedarf deutlich höher (BARF - ein Hund Wolf Vergleich). Der Nährstoffbedarf an Mineralstoffen und Vitaminen steigt jedoch nicht in demselben Maß an. Wildlebende Tiere nehmen also eine deutlich höhere Futtermenge und damit auch wesentlich mehr Nährstoffe auf als unsere Haustiere. Ein ganzer Hase mag daher für einen Wolf eine adäquate Mahlzeit darstellen, ein Drittel davon, was in etwa dem Energiebedarf eines durchschnittlichen Hundes entspricht, hingegen vielleicht nicht mehr.


Auf der anderen Seite zeigt die natürliche Ernährung einer Tierart selbstverständlich eine Orientierungshilfe beim Entwickeln von Bedarfsnormen.






Wie werden Bedarfsnormen festgelegt?

Eine erste Methode ist die Trial and Error Methode. Ein Tierversuch ist hierfür nötig. Man reduziert einen Nährstoff im Futter auf eine immer kleinere Menge oder streicht ihn, wenn möglich, komplett. Sobald klinische Symptome einer Mangelerkrankung auftreten ist klar, dass der Mindestbedarf unterschritten ist. Von ihrer Grausamkeit abgesehen, hat die Methode noch einen anderen großen Haken: sie berücksichtigt beeinflussende Faktoren nicht unbedingt. Ein Nährstoff kann besser oder schlechter resorbiert werden, je nach Individuum, aber auch nach Zusammenstellung der Grundration. Dadurch kann ein Bedarf leicht über- aber auch unterschätzt werden. Da diese Methode eine ältere Methode ist und einige Bedarfszahlen in ihr ihren Ursprung gefunden haben, ist es daher auch nicht verwunderlich, dass sie sich in den letzten 30-40 Jahre etliche Male geändert haben. Genauer werde ich darauf in den Blogartikeln zu den einzelnen Nährstoffen eingehen.

Eine andere Methode ist die heute gängigste Methode. In den letzten hundert Jahren wurden unzählige Verdauungsversuche mit Hunden gemacht. Hierbei wurde immer dokumentiert, wie das Futter zusammengesetzt war, wie hoch die Aufnahme eines Nährstoffes und wie hoch seine Ausscheidung war. Trägt man all diese tausenden Zahlen in eine Grafik ein, indem man immer eine Gleichung Aufnahme gegen Ausscheidung berechnet, ergibt sich ein Durchschnitt. Dieser ist dann unabhängig von der Zusammensetzung des Futters. Natürlich gibt es in diesen Grafiken Ausreißer. Das können zum einen Individuen sein, zum anderen aber auch besonders hochverdauliche oder eben besonders schlecht verdauliche Futtermittel.

In der folgenden Beispielgrafik lässt sich das recht gut erklären. Vorab benötigt es jedoch noch den Hinweis, was man unter dem metabolischen Körpergewicht versteht und warum wir damit rechnen. Das metabolische Körpergewicht ist die tatsächliche Stoffwechselmasse eines Individuums. Jetzt wird es leider etwas kompliziert. Ganz allgemein lässt sich sagen: je kleiner ein Körper ist, desto größer ist seine Oberfläche im Verhältnis zu seinem Gewicht. Und je größer die Oberfläche ist, desto höher sind die Energieverluste an die Außenwelt. Das ist jetzt etwas sehr physikalisch abstrakt, deswegen will ich es an einem Beispiel erklären:

Ein Chihuahua mit einem Gewicht von 2kg braucht von einem bestimmten Feuchtfutter 100g, um sein Körpergewicht zu halten.

Hätten wir einen linearen Anstieg des Energie- und Nährstoffbedarfs bräuchte eine Dogge mit 60kg von demselben Feuchtfutter 6000g. Jeder Besitzer einer großen Rasse weiß, dass diese viel Futter benötigen, so viel aber auch wieder nicht. Tatsächlich benötigt die Dogge bei von dem Beispielfutter nur rund 2500g.

Das ganze lässt sich über die Stoffwechselmasse erklären. Ein Chihuahua mit einem Gewicht von 2kg hat ein Stoffwechselgewicht von gerundet 1,7kg, während eine Dogge mit 60kg ein Stoffwechselgewicht von nur etwa 21kg hat.

In der Tierernährung rechnen wir immer mit dem Nährstoff pro kg metabolisches Körpergewicht, da wir eine so große Varianz in der Höhe des Körpergewichts haben.



kg met KGW = kg metabolisches Körpergewicht


Jeder Punkt stellt die Menge eines Nährstoffs dar, den ein Individuum pro Kilogramm metabolischen Körpergewichts aufgenommen und ausgeschieden hat. Die Gerade ist eine Berechnung aus dem Durchschnitt der Individuen. Verlängert man die Gerade bis zur Y-Achse, erfährt man den Minimalbedarf. Der dort liegt, wo diese Gerade die Y-Achse schneidet (Pfeil). Diese Menge eines Nährstoffs wird auch dann ausgeschieden, wenn der Nährstoff gar nicht aufgenommen wird.

Was auf den ersten Blick dämlich klingt, ist auf den zweiten recht logisch: zum einen werden verschiedene Nährstoffe benötigt, um Verdauungssäfte zu produzieren. Dann sterben jeden Tag auch noch einige Darmzellen ab und auch diese bestehen aus Mineralstoffen, die auch mit dem Futter aufgenommen werden. Wir nennen diesen Punkt auch die endogenen Verluste, was so viel bedeutet wie Verluste, die von Innen kommen. Damit ist die Menge an Nährstoff gemeint, die in jedem Fall ausgeschieden wird, vollkommen unabhängig, ob der Nährstoff mit der Nahrung zugeführt wird. Dieser Anteil, die endogenen Verluste, muss unbedingt zugeführt werden, da sonst eine Mangel entstehen wird.



Wie kommt man von all diesen Berechnungen denn jetzt auf die Bedarfsnormen?

Vorrangig in Deutschland und Europa verwenden wir hierfür die faktorielle Bedarfskalkulation. Das bedeutet, dass wir den Bedarf eines Tieres durch verschiedene es beeinflussende Faktoren berechnen. Oben genannte Regressionsgleichung bietet dabei den Grundstock bzw. Grundbedarf. Dabei handelt es sich um die Menge, die ein Tier in jedem Fall braucht. Hinzu kommt dann weiterer Bedarf bei höheren Leistungen. Unter Leistungen versteht der Tierernährer hierbei Aspekte wie Wachstum oder Laktation (Milchproduktion).



Was bedeutet das jetzt für die Nährstoffe im Napf?

Wer immer über das Thema Nährstoffbedarf sprechen will, sollte zumindest Grundkenntnisse in den oben genannten Punkten haben. Wer die Nährstoffversorgung beurteilen will, sollte den Ursprung der Bedarfszahlen wissen und auch beeinflussende Faktoren kennen. Und diese möglichst genau Aus diesen Gründen sollte man sich tunlichst nicht zu pauschalen Aussagen wie „BARF ist nie bedarfsdeckend“ oder auch „Trockenfutter ist auf alle Fälle passend“ hinreißen lassen. Denn BARF kann so bedarfsdeckend sein wie Trockenfutter nicht bedarfsdeckend sein kann.

Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen, dass eine Bedarfszahl keineswegs den Anspruch hat, unumstößlich korrekt zu sein. Es geht darum, dass das Tier adäquat mit Nährstoffen versorgt wird, also möglichst weder ein Mangel, noch ein Exzess auftritt.



 

Quellen:

L. David Mech: The Wolf. Ecology and Behavior of an Endangered Species. Natural History Press, Garden City NY 1970


H. Okarma: Der Wolf. 1997



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